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Die letzten Tage bis Astorga

Um kurz nach sieben Uhr klingelte der Wecker. Ich hatte nur noch das E-Book zum Einpacken. Alle anderen Sachen hatte ich bereits am Vorabend gepackt. 15 Minuten später verließ ich die Pension und lief schräg gegenüber auf die andere Seite der Kreuzung in die Bar Lyon um zu frühstücken. Am Tresen gab ich dem Kellner den letzten Frühstücksgutschein von der Pension und bestellte dasselbe wie am Morgen zuvor. Cafe con Leche mit Tost, Butter, Marmelade und einen frisch gepressten Orangensaft. Hier wird der Orangensaft mit einem Eiswürfel serviert.
Ich hatte mein Frühstück gerade beendet als ich mir nochmal einen Cafe con Leche mit Churros bestellte. Währenddessen betrat Pilger Michael die Bar, lief zum Kellner um ihn mit einer Geste auf das Frühstück das er erwartete aufmerksam zu machen. Der Kellner kannte uns schon von den letzten beiden Tagen. Außerdem waren wir zwei gut erkenntliche Pilger mit unseren Rücksäcken, der Mütze bzw. dem Hut und meinen Stöcken.
Die Churozz sind sehr lecker. Sie erinnern mich stark an Chi Chi, die wir als Kinder im Urlaub in Südfrankreich bei Port Grimaud auf dem Campingplatz gegessen hatten. Jeden Abend liefen wir beim Bummel an dem kleinen Stand vorbei.
Die Spanier tauchen sie in ihren Cafe. Mir schmecken sie so nicht denn sie werden ganz weich. Im Prinzip machen sie das auch mit all dem kleinen Gebäck das dann in dem Cafe herumschwimmt und mit dem Kaffeelöffel wieder herausgefischt wird.
Um kurz nach 8 Uhr haben wir das Cafe verlassen und liefen zum großen Kreisverkehr. Gerade als wir in die Calle Paso del Doctor Torres Villarroel einbogen, lief Belem an uns vorbei. Sie war auf dem Weg zur Arbeit und sie wünschte uns nochmal alles Gute.
Auf den letzten Kilometer hatten wir noch Windschutz von den Häusern gehabt. Bald lagen die Vororte von Salamanca hinter uns und somit auch der Windschutz. Die ersten knapp über 16 Kilometer waren schön zu gehen. Der Weg führte auf Pisten bis nach Calzada de Valdunciel. Ich stoppte gegenüber der Herberge bei den mehreren nicht so gut erhaltenen Meilensteine zum Mittag. Ich saß eine ganze Weile. Irgendwann blickte ich zurück und sah Michael kommen. Er wollte auch kurz stoppen, hatte aber keinen Hunger. Pilger Michael ist ein sehr erfahrener Langstreckenwanderer. Etliche Wander- und Querwege ist er bereits schon vor Jahren im Schwarzwald gegangen. Wir waren uns vom ersten Tag an einig, dass jeder sein eigenes Tempo gehen wird. Obwohl es absolut irrelevant ist lief ich etwas schneller als Michael. Natürlich nicht, wenn wir Abschnitte zusammenliefen und uns unterhielten. Dann passte sich das Tempo automatisch der Unterhaltung an.
Nach meiner Pause lief ich weiter. Ich wusste, dass die nächsten knapp 20 Kilometer bis Cubo landschaftlich nicht reizvoll werden würden. Dementsprechend stellte ich mich auch auf die Strecke neben der Autobahn ein. Gleich zu Beginn gab es zwei Wegemöglichkeiten. An einer Betonsäule einer Autobahnbrücke stand unter dem gelben Pfeil der nach links zeigte "sin Aqua" und unter dem Pfeil nach rechts "con Aqua". Ich bezog das auf Wasserstellen um die Trinkvorräte aufzufüllen. Beim Mittag zuvor hatte ich die Flaschen gefüllt und war somit ausreichend mit Wasser versorgt.
Ich folgte dem linken Pfeil, der "ohne Wasser" Route und stand vor einem langsam fließenden Bachlauf am Ende der Autobahnbrücke. Ich musste lachen, war das nicht die Route ohne Wasser. Zum fuhrten mit Schuhen war das Wasser einfach zu tief. Zum zweiten Mal zog ich meine Schuhe für eine Fuhrt aus. Das kalte Wasser kühlte die Füße und war bestimmt auch gut für die Durchblutung die somit gefördert wurde. Als ich am anderen Ufer ankam wollte ich noch ein wenig Barfuß auf der Wiese laufen um die Füße zu trocknen. Dabei bin ich in einen Dorn einer vertrockneten Distel gelaufen. Ich brauchte eine ganze Weile um den Sprießen zu entfernen. Es blieb auf der gesamten Wanderung die einzige Verletzung an den Füßen. Ich hatte keine Blasen. Ich bin einfach nur zufrieden mit meinen Wanderschuhen. Es war bereits das zweite paar desselben Models. Auch nach fast 5000 Kilometern blasenfrei. Was für ein Schuh, was für ein Paar Socken. Mit ihnen lief ich dieselbe Strecke.
Nach etlichen weiteren landschaftlichen unschöneren Kilometern erreichte ich Cubo. Die öffentliche Herberge hatte bereits vor Jahren geschlossen und so blieb ich in einer der beiden Privaten Herberge. Die Hospitalera war sehr nett und hilfsbereit. Ich glaube mich an die netteste und hilfsbereiteste zu erinnern der gesamten Via de la Plata. Als sie mir alles gezeigt hatte, die Küche, das Bad und das Zimmer, erklärte sie mir zwei Varianten um nach Zamora zu kommen. Entweder über den regulären Weg auf dem Camino oder die 5 Kilometer kürzere Variante über die wenig befahrene Nationalstraße. Ich entschied mich am Folgetag weiter auf dem Camino zu gehen. Bei einem kleinen Spaziergang durch den Ort zeigte sie mir die Einkaufsmöglichkeit im kleinen Tienda nebenan, den Dorfplatz und die zwei Bars von der ich eine schon kannte und anschließend zeigte sie mir den Weg wie ich das Dorf am nächsten Morgen verlassen sollte.
Bevor ich am nächsten Morgen los lief nahm ich mir noch einen der kleinen Pilgertonfiguren vom Kühlschrank mit, die dort zum Verkauf hingen. Ich hinterließ auf einem Zettel nochmals Grüße und die vier Euro für den Magneten.
Am selben Tag lief ich bis Zamora. Ich war überrascht von der Größe der Stadt. Die Herberge befand sich in einem sehr schönen Steinhaus. Geführt wird sie zurzeit von zwei netten Hospitaleras die selbst immer wieder auf den Caminos unterwegs sind. Am Abend hatte ich auch das Vergnügen die 70-jährige Alistair kennen zu lernen die den englischen Guide für die Via de la Plata schreibt. Sie spricht 4 Sprachen fließend und so führten wir unsere Unterhaltung auf Deutsch. Seit Tagen habe sie schon kein Englisch gesprochen. Sie verneinte als ich darum bot. Sie meinte ihr fehle jetzt nur noch koreanisch, dann spreche sie alle Sprachen der gängigsten Pilger. Die Anzahl der Koreaner steigt stetig. Mit verantwortlich hierfür sind zwei erfolgreiche Bücher bekannter koreanischer Autoren. Ich bestätigte ihr das. Auf jeder Pilgerreise in Spanien oder Portugal hatte ich bisher Koreaner und Koreanerinnen getroffen. Alistair erklärte und zeigte mir wie sie die Informationen sammelte und aktualisierte. Sie meinte sie sei am Abend bei der Ankunft nicht körperlich geschafft sondern im Kopf sei sie müde durch die ganzen Informationen und Recherche.
Pilger Michael hat sich neuen Schuhe in Zamora gekauft. Ich hatte im davon abgeraten und ihm erzählt, dass er dies doch erst nach der Ankunft in Santiago erledigen sollte. Er bestand drauf und meinte er würde jetzt einfach etwas langsamer gehen. Bis Ostern wollte er in Santiago sein. Auch bei weniger als 20 Kilometer per Tag konnte er dies noch schaffen. Am Morgen verabschiedete ich mich von Michael, der keine E-Mail Adresse hatte. Auch versteht er nicht viel von Computer und der allgemeinen Technik. Ich fand das toll, denn es machte ihm überhaupt nichts aus und er war mit dem wenigsten Zufrieden und wusste damit etwas anzufangen. Er versprach bei seiner nächsten Schwarzwaldwanderung sich bei mir zu melden. Erstmal wollte er jedoch im kommenden Sommer einen Langstreckenwanderweg im Inland von Portugal gehen.
Die letzten fünf Tage an denen ich nicht mehr als 20 Kilometer lief zogen nur so an mir vorbei. Einige Wochen zuvor dachte ich noch wie weit das Ende der Reise vor mir liegt. Nun stand es mir unmittelbar bevor. Der Alltag kommt auch beim Wandern. Ich habe auch ein Ritual, dass aus aufstehen, frühstücken, wandern, Pause machen und Nachtplatz suchen besteht. Dennoch ist es ein sehr großer Unterschied als zum Alltag den man am selben Ort verbringt. Beim Wandern sehe ich jeden Tag immer etwas Neues wodurch die vergangene Zeit einem länger erscheint. Die vielen Eindrücke und Erlebnisse bringt die Erfüllung einer solchen Reise mit sich.
Am 14. März bin ich in Astorga angekommen. Seit dem Aufbruch in Hendaye am 8. Januar habe ich etwa 1600 Kilometer zurückgelegt. Wie auch beim Radfahren geht es mir in den letzten Jahren nicht mehr um die gefahrenen bzw. gelaufenen Kilometer. Diese habe sich aus dem del Norte und der Via de la Plata mit all den Erlebnissen und Erfahrungen automatisch ergeben. Wäre am 17. März der Rückflug für mich nicht gegangen wäre ich noch weitergelaufen. Es war für mich die kürzeste Reise seit Thailand. Damals war ich auch knapp über zwei Monate unterwegs. Schon komisch das so zu sagen, aber ich weiß das es da draußen Menschen gibt die diese Aussage gut verstehen und nachvollziehen können.

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