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Die sibierische Kälte

Staub, Schlamm, Sonne und Regen
Das ist der Weg nach Santiago.
Tausende von Pilgern
Und mehr als tausend Jahre.
Wer ruft dich? Pilger
Welch geheime Macht lockt dich an?
Weder ist es der Sternenhimmel
Nicht sind es die großen Kathedralen
Weder die Tapferkeit Navarras
Noch der Rioja Wein
Nicht die Meeresfrüchte Galiziens
Und auch nicht die Felder Kastiliens.
Pilger Wer ruft dich?
Welch geheime Macht lockt dich an?
Weder sind es die Leute unterwegs
Noch sind es die ländlichen Traditionen
Weder Kultur und Geschichte
Noch der Hahn Sto. Domingos
Nicht der Palast von Gaudi
Und auch nicht das Schloss Ponferradas.
All dies sehe ich im Vorbeigehen
Und dies zu sehen ist Genuss
Doch die Stimme, die mich ruft
Fühle ich viel tiefer in mir.
Die Kraft, die mich vorantreibt.
Die Macht die mich anlockt
Auch ich kann sie mir nicht erklären.
Dies kann allein nur Er dort oben!  (E.G.B.)

Ein Gedicht das mir persönlich sehr gut gefällt, ich las es kurz bevor ich Najera erreichte. Eine super schöne Herberge erwartete mich. Wir trafen am Abend auf zwei weitere Spanier die Abendessen zubereiteten. Salat mit Nudeln und Knoblauchhuhn.
Der Himmel war am nächsten Morgen bewölkt. Es regnete leicht. Ich war bereits etliche Kilometer unterwegs und guter Laune als mir einfiel, dass ich meine Stirnlampe am Bettpfosten hängen ließ. Vorbei war es mit der guten Laune und ich ärgerte mich über mich selbst. Ich entschied aber nicht umzukehren. Am frühen Abend erreichte ich Santo Domingo de la Calzada, die Stadt die mir gefiel mit all ihren alten Steinhäuser engen Gassen und deren Legende.
Zuerst erspähte ich die Kirche. Kurz darauf Jose. Am Vortag begegnete ich ihm zum ersten Mal. Er zeigte mir all seine Stempel die er in der Kirche, der Touristen Information und einer Bar bekam. Ich wollte nun auch in die Kirche. Ich hatte von dem weißen Hahn und der Henne gelesen, deren Legende sich in diesem Ort vor Jahrhunderten abgespielt haben sollte. Die Legende handelte von einem Jungen.
Ein Ehepaar war mit seinem Sohn auf Pilgerfahrt nach Santiago und übernachtete in einem Wirtshaus in Santo Domingo. Die Wirtstochter verliebte sich in den Sohn, aber der wollte nichts von ihr wissen und zog am nächsten Tag mit seinen Eltern weiter. Das beleidigte Mädchen hatte aber einen silbernen Becher in das Gepäck des Jungen gesteckt und zeigte ihn des Diebstahls an. Der Becher wurde entdeckt und der Junge zum Tod durch Erhängen verurteilt. Als die Eltern nach Vollstreckung der Todesstrafe noch einmal zum Baum gingen, an dem ihr Sohn hing, stellten sie überrascht fest, dass der Junge lebend am Galgen hing, denn Santo Domingo stützte ihn an den Beinen. Das Ehepaar begab sich also zum Richter, um ihm von dem Wunder zu berichten, das ja  die Unschuld ihres Sohnes bewies. Der Richter saß gerade am Mittagtisch und sagte, dass der Junge so lebendig sei wie die zwei Hühnchen, die er gerade verspeisen wollte. Daraufhin flogen die beiden Tiere davon. Seitdem werden in der Kathedrale von Santo Domingo in einem Käfig ein weißer Hahn und weiße Henne gehalten. Die wöchentlich ausgewechselt werden.
Insgesamt verbrachte ich wohl eineinhalb bis zwei Stunden in der Kirche. Auch diese Kirche die als Kathedrale genauso angesehen ist, wurde im gotischen Baustil errichtet.  Ich schaute mir die verschiedenen Kapellen an, den Chor, der komplett  aus Holz gebaut war. In der Kirche befanden sich  mehrere Gräber. Eines  davon des Heiligen aus dem 13 Jh., über dem sich ein gotischer Tempel aus dem Jahre 1513 erhob.
Nach der Besichtigung lief ich zur ältesten Herberge am gesamten Jakobsweg Frances: die 900 Jahre alte öffentliche Herberge. Die anderen waren auch schon dort. Ich entschied mich alleine zu Kochen. Zu sehr vermisste ich meine Pasta mit frischen Tomaten und Zucchini. Der Wein zum Essen durfte natürlich nicht fehlen. Wir hatten einen langen Abend, saßen gemütlich am Tisch und tauschten unsere Erfahrungen aus. Ich bevorzugte jedoch die Couch nebenan, wo es um einiges gemütlicher war. Gelegentlich las ich auch die Einträge des Gästebuches. Gegen ein Uhr ging ich ins Bett.
Am nächsten Morgen wurde ich wach als Ravi rief „mucha nieve“. Ich dachte erst er redet von „nievla“ (Nebel). Erst als ich selbst aus dem Fenster sah war mir klar, dass er „nieve“ sagte. Eine vielleicht zwei Zentimeter dicke Schneeschicht bedeckte die Dächer, Zäune und die Straße. Auch auf dem Kirchturm den ich von dem Küchenfenster erblickte lag Schnee. Es herrschte Aufregung die alle von uns wie in Trance versetzte. Es war wohl die Kälte. Die Temperatur ist seit dem Vorabend um einiges gesunken. Um halb zehn Uhr haben wir es dann aber doch geschafft uns aufzurappeln. Nach einem Kaffee liefen wir um kurz nach Zehn Uhr los. Die Autos schlichen auf den Straßen. Pfützen waren gefroren und wir alle dick in unsere Jacken und Mützen eingewickelt. Ich zog die Kapuze meiner Gore Tex Jacke auf und schob sie bis kurz über die Augenbrauen. Der Schal zog ich bis über die Nase. Ich war diese Temperaturen nicht mehr gewohnt und es waren bestimmt etliche Grad unter Null. Die sibirische Kälte hatte uns also erreicht. Den Tag über lief ich zusammen mit Luma. Wir führten tolle Gespräche und lenkten uns so von der Kälte ab. Zum Mittag kehrten wir in einem Restaurant auf eine Suppe ein. Auf den letzten Kilometern bis nach Belorado musste ich einiges einstecken. Es machte mir nichts aus und empfand es nicht sonderlich schlimm wenn sie kurze aber heftige Wutanfälle bekam. Es war ja nicht meine Schuld dass es so kalt war. Luma, eine Brasilianerin war eben nur Wärme gewöhnt und nicht die Kälte Sibiriens. Umso größer war die Freude als wir abends in der Herberge eintrafen. Warmes Essen und Wein wärmte uns alle auf.
Zwei Tage später erreichten wir Villafranca Montes de Oca. Am Abend traf ich das erste Mal auf einen deutschen Pilger. Es fühlte sich sehr gut an eine deutsche Unterhaltung zu führen. Ich erzählte von meinen Erlebnissen. Georg war für ein paar Tage auf dem Camino unterwegs. Er war nach 2000 Kilometer immer noch begeistert vom Pilgern.
Langsam begann ich zu verstehen was die Menschen dazu bewegt den Weg nochmals zu gehen oder einfach unterwegs zu sein auf dem Camino. Man muss es eben erst selbst erleben um es zu verstehen.
Am Abend kam ich mit Paul ins Gespräch. Oh wie ich den Akzent der Kanadier liebe. Wir
entschieden am nächsten Morgen früh aufzubrechen und bis nach Burgos zu laufen. Meine
bis dahin längste Tagesetappe mit 38 Kilometer lag vor mir. Wir waren uns jedoch einig, dass wir einzeln losgehen. Später sollten wir schon zusammentreffen und gemeinsam weiter gehen. Für mich wurde es immer wichtiger längere Strecken alleine zu gehen. Ich hatte dann genügen Zeit für mich, um nachzudenken und zu träumen.
Es war noch dunkel als ich nach einem kurzen gemeinsamen Frühstück mit Paul die Herberge verließ. Mir war bewusst, dass wenn ich es bis Burgos tatsächlich schaffen sollte, werde ich einen Tag vor den anderen sein. Ich merkte jedoch dass ich längere Distanzen laufen musste, ich wusste nicht wie lange und wann ich auf die anderen wieder stoßen werde. Ich fühlte es einfach.
Unter dem Sternenhimmel lief ich über die Straße. Mit einem meiner Stöcke schrieb ich in den Neuschnee der über die Nacht gefallen war „Adioz mi Amigos, buen Camino Michael“
Als wir am frühen Abend am Zaun des Flughafens von Burgos entlang liefen war es wohl klar dass wir es schaffen werden. Wir liefen jedoch mit geringerer Motivation als beim Start. Die einzige Motivation war jetzt anzukommen um auszuruhen. Ich fühlte den ersten Schmerz den ich seither hatte. Irgendetwas unterhalb meines linken Knies schmerzte alle paar Schritte zunehmend. Paul meinte es sei wohl eine Sehne. Ich wusste es nicht, wollte einfach nur noch ankommen. „Habe ich mir da wohl etwas zu viel zugemutet?“  Es war bereits dunkel als wir nach den schier endlosen Vororten in der Altstadt von Burgos eintrafen. Ein leuchtend roter Schriftzug zeigte -4 Grad. Es war kurz nach 18 Uhr. Ich war froh als wir mit Freude von den Hospitaleros empfangen
wurden.





                                   



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