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Der letzte Pilgerweg der Reise

Vor dem Friedhof in Eslarn stellte ich das Rad ab und lief die Umleitung hinauf auf den Hof um meine Wasserflaschen zu füllen. Am Vorabend gleich nachdem ich das Zelt aufschlug fiel der erste Regen seit meiner Rückkehr nach Deutschland. Ich hatte fast vier Wochen ohne Regen gehabt. Auch jetzt fing es wieder an zu regnen, nicht stark aber trotzdem wollte ich mich mit der Zeltplatzsuche beeilen bevor es stärker anfing zu regnen. Ich kam mit einer Frau ins Gespräch die fragte ob ich der Mann mit dem Rad sei. Sie sah es als sie am Eingang vorbei lief. Ich war selbst richtig überrascht, denn sie war nicht überrascht als ich meine Wasserflaschen füllen wollte. Ich war die verwunderten Blicke der Menschen bereits gewohnt. Stattdessen erzählte mir die Frau von ihrer Tochter die vor einiger Zeit selbst mit dem Rad von Augsburg nach Eslarn fuhr um ihre Eltern zu besuchen. Als die Tochter zu Hause bei ihren Eltern ankam erzählte sie dass sie ihre Wasserflaschen auf den Friedhöfen auffüllte da es dort immer Wasser gab. Sie erzählte mir noch von einer Zeltmöglichkeit, etwas außerhalb der Stadt an einem See. Nur kurz nachdem das Zelt aufgebaut war fing es wieder stärker an zu Regnen. Das timing konnte nicht besser sein. Am nächsten Morgen sollte meine Radpilgerreise am Grenzübergang Tillyschanz in der Oberpfalz beginnen.

Nachdem ich mir das Geschehen auf der tschechischen Seite anschaute kehrte ich zurück zur deutschen Seite. Auffallend an der Deutschen Grenze waren dort die ganzen unterschiedlichen Schilder, anders wie auf der Tschechischen Seite. Dort standen nur zwei kleine Schilder, ein Wappen des Landes und der Schriftzug „ Tschechische Republik“.
Offiziell begann ich mit dem Weg direkt vor dem Schild, dass die nächsten Entfernungen bis Nürnberg und das Wege Ziel Santiago de Compostela aufzeigte. Bis Santiago waren es 2600km.

Die ersten paar hundert Meter fuhr ich entlang der Paneuropa auf Asphalt. Ich hörte hier zum ersten Mal von dem Trans Europa Radweg der von Prag bis nach Paris führt. Ein großes Schild wies mich am Straßenrand darauf hin. Gleich darauf führte mich der Weg in den Wald hinein. Unter Nadelbäumen fuhr ich das erste Mal seit Anfang dieses Jahres auf schmalen Wegen durch den Wald. Es waren wirklich schöne Singeltrails. Zum Teil übersät mit Wurzelteppichen und Steinigen Abschnitten, ein Traum für Mountainbiker eben.  In diesen Momenten jedoch nicht für mich, mein Mountainbike war beladen und die Gefahr von Speichen Brüchen stieg um einiges. Ebenfalls auch die des Verschleißes. Mittlerweile hatte ich auf der Kette, den Kettenblättern und dem Zahnkranz knappe 10000 Kilometer. Normalerweise wechsele ich bei ca. 3000. Aber wann fängt normal an und wann hört normal auf. Ich denke jeder hatte da seine eigenen Zeitspannen und so lange nichts wirklich ernsthaftes passierte wollte ich auch nichts tauschen. So blieb mir nichts anderes übrig als das Rad während manchen Streckenabschnitten zu schieben oder ich musste diese Abschnitte umfahren, das hätte bedeutet ich müsste den Weg verlassen. Es war okay, ich musste mich jedoch erst daran gewöhnen den ich kam auch deutlich langsamer voran. Am Tag legte ich im Schnitt zwischen 30 und 40 Kilometer zurück. Der Ganze Weg betrug 550 Kilometer.
Was sich ebenfalls deutlich änderte war der Kontakt und überhaupt die Menschen. Es war wohl nicht ganz normal dass ein Pilger mit dem Rad sich auf diese Reise begibt. Was aber vielleicht der Hauptgrund war ist das der Weg mich durch ländlichen Gegenden führte. Es gab nicht Mal jeden Tag eine Einkaufsmöglichkeit. Ich erinnere mich daran wie ich an manchen Tagen nur Bäckerware aus der Dorfbäckerei hatte. Klar ich hätte irgendwo Einkehren können, was mir jedoch zu teuer war und ich auch nicht wollte. Ab und zu ein Kaffee und die Welt war bestens in Ordnung. Der Weg bis nach Nürnberg war bestens vom oberfränkischen Albverein beschildert. Die Muschel war jedoch nicht gelb sondern weiß auf blauem Hintergrund.
Ich war gespannt auf Nürnberg. Ich las davon dass die Stadt einer der besten besuchten Deutschlands sein soll. Dementsprechend waren die Straßen auch ziemlich überfüllt. Es war Samstag. Klar gab es da massenweise Geschichte der Altstadt. Da ich ja wieder als Pilger unterwegs war wollte ich mir den Stempel in dem Pilgerbüro abholen. Was folgte war ein ziemlich langer Aufenthalt mit Erzählungen meiner Reise. Anschließend schob ich das Rad durch die Straßen und Gassen. Auf einem Vorplatz wurde kräftig gefeiert. Das Oktoberfest stand vor der Tür. Nach original Nürnberger Rostbratwürstchen in einer Wurstküche verließ ich die Stadt und fuhr zurück auf dem König Ludwig Kanal zurück zur Weggablung die ich zuvor passierte. Hier zweigten sich die verschiedenen Routen. Weiter konnte ich entweder Richtung Augsburg, zurück nach Tillyschanz oder weiter nach Prag oder eben in Richtung Bodensee dessen Route ich folgte. Ich ließ die Berge der Oberpfalz zurück und die Landschaft wurde zunehmend etwas flacher oder eben hügliger.
Die Wegemarkierung änderte sich. Die Muschel war nicht mehr weiß sondern gelb. Hinterlegt mit zwei Pilgerstäben die sich kreuzten auf blauem Hintergrund. Ebenfalls änderte sich die Wegemarkierung. In unregelmäßigen Abschnitten war der Weg einfach nicht Beschildert und ich musste mir den Weg suchen. Mal fand ich ihn selbst Mal halfen die Menschen am Wegesrand.
Kurz nachdem ich die Großstadt hinter mir lies fand ich mich am Main Donau Kanal wieder an dem ich eine Nacht im Zelt verbrachte. Drei Tage später erreichte ich Oettingen. Nicht nur bekannt durch das Oettinger Bier sondern auch durch den nördlichen Beginn des Nördlinger Ries.
Über etwa ein Jahrhundert wurde davon ausgegangen das es sich bei der fast kreisrunden Vertiefung von 22 auf 24 Kilometer Durchmesser um einen Überbleibsel eines Vulkanes handelt. Erst 1960 ist es durch die Forschung zweier amerikanischer Wissenschaftler gelungen zu beweisen dass es sich um einen Riesenkrater handelt. Ein etwa 1 Kilometer großer Meteorit fiel damals mit etwa knappen 100000 Kilometern auf die Erde. Im ries Museum in Nördlingen wurde deutlich und sehr anschaulich darüber und andere Meteoriten berichtete. Eine weitere kleine Ausstellung beinhaltete ein Stück Mondgestein den die Astronauten bei der damaligen Mondexpedition mitbrachten.
Die Landschaft um den Krater war unglaublich schön. An dem Tag als ich Nördlingen verließ schaffte ich es gerade mal auf 12 Kilometer. Abends schlug ich das Zelt auf dem Inneren Kraterrand auf. Ich hatte eine fantastische Sicht auf den Krater und das Umland. Am Morgen, ich war früh wach und auch früh unterwegs sah ich auf einer Wiese weit vor mir etliche Wanderer. Nachdem ich das Gespräch mit einer Frau beendete die mit ihrem Hund spazieren war holte ich Stück für Stück die Gruppe vor mir ein. Es waren tatsächlich Pilger. Die ersten auf die ich traf seit ich gestartet war. Ich las zwar oft in den Gästebüchern der Kirchen von anderen Pilgern als ich mein Stempel holte, bekam jedoch bekamich niemand zu sehen. Die Anwohner am Wegesrand erzählten mir von den Pilgern die meist Abschnitte in mehreren Tagen oder eben auch nur Tagesetappen liefen.
Die Gruppe bestand aus mehreren Männern die unterwegs mit einem Pfarrer waren. Sie selbst bezeichneten sich als „Seselfurzer“ und waren auf „Entlastungslauf“.
Wie so oft, treffe ich am Wegesrand auf Menschen die das bewundern was ich mache. Unterwegs zu sein, Sachen zu sehen und erleben. Viele erzählen mir dass sie Angst haben würden los zu gehen, das gewohnte zu verlassen, sich auf etwas Neues einzulassen oder auch etwas zu riskieren. Die einfachste Variante das nicht zu tun ist es eben zu tun, seine Visionen zu leben, daran zu denken und darauf zu zugehen, nicht über die anderen Sachen nachzudenken und sich somit sich selbst blockieren. Die Scharfherde verlassen und seinen eigenen Weg gehen. Klar fällt das nicht immer leicht, selbst denen Menschen die es in bestimmten Abschnitten oder Situationen bestens können und machen. Die persönlichen Herausforderungen steigen stetig an den man traut sich immer mehr zu. Im Endeffekt landet man immer bei sich selbst, durch erleben werden einem die persönlichen Grenzen gezeigt und man lernt sie zu erweitern durch neue Ansichten zu denen man durch die  Erfahrungen gelangt. Manchmal ist auch ein Rückschritt im gedanklichen Sinne gut um weiter nach vorne zu kommen. Man sollte jedoch nicht vergessen  das getane Wagnisse fortgesetzt werden, also wieder auf einen zukommen werden und man sich damit auseinandersetzten muss.
Ich schob mein Rad noch ein paar Meter mit der Gruppe mit bevor ich mich draufsetzte und dankend davon fuhr. Bayern war nun verlassen und ich war zurück in Baden- Württemberg. Mir blieb jetzt noch knapp eine Woche bis zu meiner Ankunft bei meiner Schwester am Bodensee bei der ich mich von Nördlingen aus ankündigte.
Die nächste größere Stadt die ich erwartete war Ulm. Zu Beginn dieser Reise las ich von dem höchsten Kirchturm der sich am Ulmer Münster befinden sollte. Schon damals war es ein Wunsch den ich mir jetzt erfüllen konnte. Der Bau des Münsters wurde im 12. Jahrhundert im gotischen Stil begonnen und konsequent bis zur Fertigstellung bis knapp vor der 19. Jahrhundertwende durchgezogen. An klaren Tagen sollte die Sicht bis zu den Alpen am Bodensee reichen. Auf dieser Reise sah ich jedoch zuerst die Allgäuer Alpen und diese auch zum ersten Mal. Die Wolkendecke am Horizont hinderte aber an diesem Tag die Sicht bis dorthin. Fast schöner in Erinnerung habe ich die Bilder an der holzvertäfelten Wand verschiedenster Gotteshäuser oder religiösen Orten der Welt über halb der Glocken. Die Aufnahmen waren in Schwarz-Weiß und stammten zu meist aus den 1920 Jahren. Interessant war es auch deshalb weil ich gerade ein passendes Buch dazu las.
Ich blieb einen ganzen Tag in Ulm und verließ am Abend die Stadt. Es war an diesem Tag Sonntag und am Folgetag musste ich mir neue Bremsbeläge für die Hinter Bremsen kaufen. Seit meiner Rückkehr in Deutschland bremste ich nur noch mit der Hinterbremse, die vorderen Beläge waren längst abgefahren und für neue war kein Geld mehr vorhanden. Die Hinteren waren jetzt ebenfalls durch. Ich bremste bereits mit dem Metall. Zu diesem Zeitpunkt besaß ich noch 30 Euro. Mir war klar dass ich am Folgetag mindestens knapp 20 Euro für die Beläge zahlen müsste. Also blieben nur noch 10 Euro übrig für die letzten Tage ab Ulm. Mir war auch klar dass es nicht reichen würde aber große Sorgen machte ich mir diesbezüglich nicht.
Es war bereits knapp nach 18 Uhr als ich vergeblich auf der Suche nach einem Friedhof um die Wasserflaschen aufzufüllen war.
Noch immer auf der Suche fragte ich mich bei den Passanten durch die mir verwunderte Blicke zuwarfen. Wie sich herausstellte war ich noch ein ganzes Stück davon entfernt. Ich wurde einige Straßen zurück geschickt als mir plötzlich auf der anderen Straßenseite ein Wohnmobilpark auffiel. -An diesen Plätzen ist auch immer ein Wasserhahn vorhanden- ging es mir durch den Kopf. Bei meiner Ankunft fand ich diesen auch, sollte jedoch dafür bezahlen. Die ganzen Wohnmobile waren verdunkelt und offensichtlich war niemand zu Hause. Nur bei einem war Leben zu sehen, beim ersten den ich bei meiner Ankunft sah. Ich klopfte an deren Türe und eine Frau stand mit fuchtelnden Händen vor mir. Kurz darauf erschien ein Mann. Ich fragte ob er mir eine 1,5 Liter Flasche mit Wasser füllen würde. Sofort war ich willkommen und sollte eintreten. Die Frau füllte mir die Flasche auf während der Mann erzählte dass seine Frau kein deutsch sprechen würde. Nachdem die Flasche gefüllt war, wurde ich noch zum Platznehmen an der Tischrunde eingeladen. Wir unterhielten uns eine ganze Weile über alles Mögliche. Angefangen bei unserem Leben, der Religion und schönen Reiseziele in Portugal und Spanien von denen ich berichten konnte.

Auf all meinen bisherigen Reisewegen fragte ich niemals Menschen nach Geld. Für mich ist das eine Option die nicht in Frage kommen würde, den ich will es selbst schaffen und erreichen. Vielleicht kommt in so einem Fall mein Ego besonders durch aber es ist eine Hilfe die ich von fremden Menschen nicht in Anspruch nehmen möchte. Ich sah bereits schon Menschen auf meinen Reisen die um die 8 Jahre  unterwegs waren und mit einem Ordner der gefüllt war mit Zeitungsberichten auf die Menschen zugingen. Es ist schwer für den Menschen auf der anderen Seite damit umzugehen und zu meist kommt wohl dessen Mitgefühl hervor und setzt sich menschlicher Weise auch durch. Was folgte waren Spenden die der Reisende bekam.  
Auf einmal drehte sich der Mann auf seinem Pilotensesel um und kehrte kurz darauf wieder zur Runde zurück. In der Hand hielt er seinen schwarzen Geldbeutel. Sofort wurde mir die Situation unangenehm den ich ahnte was auf mich zukommen wir.
Der Mann öffnete sein Portemonnaie und zog einen fünfzig Euro Schein heraus und legte ihn auf den Tisch ohne ein Wort zu sagen. Kurz darauf schob er den Schein mit der flachen Hand auf dem Tisch zu mir herüber und sagte „das ist für dich“ und lachte dabei. Ich sagte ihm das ich das nicht annehmen könnte worauf er antwortete das er das wisse das ich das nicht kann aber ich sollte doch. Das Spiel ging eine ganze Weile  hin und her, ich war ganz verdattert in eine solche Situation gekommen zu sein, ich wollte das nicht und wusste auch nach dem zehnten Mal nein sagen noch nicht was geschieht.
Die Konversation endete damit als ich den fünfzig Euro Schein in meine Tasche steckte.
Ich brauchte mehrere Tage lang bis ich es für mich einigermaßen verstand und damit zurechtkam. Denn ich handelte damals gegen mein bisheriges Handeln. Erstaunlich für mich war das sich diese Situation ereignete als ich wirklich fast kein Geld mehr in der Tasche hatte.
 
Es wurde immer dunkler und somit auch später bis ich gegen zehn Uhr das Wohnmobil verließ und im Park an der Donau mein Zelt aufschlug.
Am nächsten Morgen erschlug es mich dann fast als ich aus dem Zelt schaute und vor mir ein Braunbär schlafen sah. Jetzt wusste ich auch wozu der komische Zaun diente den ich im Dunkeln einige Stunden zuvor sah. Bald darauf kam ein Mann mit dem ich in ein fast zweistündiges Gespräch verwickelt war. Nur kurz danach als er gegangen war erwachte der Braunbär und setzte sich genau vor mich neben den Zaun. Später kam ebenfalls ein Zweiter dazu. In der Nacht zuvor war ich hier in einer Sackgasse gelandet an die der Zoo des Parks grenzte. Ich dachte an ein Buch das ich mal von Bill Bryson las „Bären zum Frühstück.
Nach der langen Suche der Bremsbeläge fand ich mich in Ulms größtem Fahrradladen wieder. Anschließend montierte ich sie draußen und fuhr weiter. In der Stadt stoppte ich zur Feier des Tages auf einen Kaffee und Brezel. Anschließend verließ ich Ulm.
Ich war noch nicht lange unterwegs als ich nach einem langgezogenen aber flachen Anstieg zwei  Rucksack vor mir sah an denen die Jakobsmuschel baumelte. Ich traf zwei Frauen die ihren Weg auf dem Pilgerweg vorsetzen. Vier Tage waren die beiden unterwegs. Für mich folgte ein Tag des Radwanderns. Ich schob das Rad den ganzen Tag, bis ich mich am Abend wieder rauf setzte und weiter fuhr. Ich suchte mir einen Zeltplatz. Während die Frauen in einer Pension logierten.
Drei Tage später erreichte ich Weingarten mit der größten Barockkirchen Deutschlands. Kurz darauf lief ich durch die Gassen von Ravensburg. Vor etwa 13 Jahren wohnte ich hier für etwa ein halbes Jahr in der Weststadt. Ich erkannte einige Straßenzüge und Gebäude wieder. Ebenfalls die Stadtbibliothek in dem alten Kornspeicherhaus.
Am Abend verließ ich Ravensburg und stellte mein Zelt auf einer Anhöhe auf. Den Abend verbrachte ich bei Stefan zu Hause den ich an meinem Zeltplatz kennenlernte. Es war die letzte Einladung der Pilgerreise. Am nächsten Abend fuhr ich bei meiner Schwester am Bodensee ein.

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